KI-Strategie
EU AI Act: Was der Mittelstand jetzt wissen und tun muss
Das Wichtigste in Kürze: Der EU AI Act ist in Kraft – und betrifft auch KMU. Wer KI-Systeme einsetzt, entwickelt oder vermarktet, muss je nach Risikoklasse Dokumentations-, Transparenz- und Kontrollpflichten erfüllen. Die kritischen Fristen laufen 2026. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme.
1. Was ist der EU AI Act?
Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) ist das weltweit erste umfassende KI-Regulierungsgesetz. Er wurde im Juli 2024 im Amtsblatt der EU veröffentlicht und tritt schrittweise in Kraft. Ziel ist es, einen einheitlichen rechtlichen Rahmen für KI-Systeme in der EU zu schaffen – mit klaren Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Verantwortlichkeit.
Anders als die DSGVO, die primär den Umgang mit personenbezogenen Daten regelt, adressiert der AI Act die KI-Systeme selbst – unabhängig davon, ob personenbezogene Daten verarbeitet werden. Er unterscheidet zwischen verschiedenen Akteuren: Herstellern (die KI entwickeln), Betreibern (die KI in ihrem Unternehmen einsetzen) und Nutzern.
Für den deutschen Mittelstand besonders relevant: Auch wer ausschließlich KI-Systeme von Drittanbietern (z.B. Microsoft Copilot, SAP AI, ChatGPT Enterprise) einsetzt, ist als "Betreiber" den Anforderungen des AI Acts unterworfen.
2. Die vier Risikoklassen im Überblick
Der EU AI Act ordnet KI-Systeme in vier Risikoklassen ein. Die Klasse bestimmt, welche Pflichten gelten:
Verbotene KI (Inakzeptables Risiko)
- Soziales Scoring durch Behörden
- Manipulative KI-Systeme
- Biometrische Echtzeit-Überwachung im öffentlichen Raum (mit Ausnahmen)
- Emotionserkennung am Arbeitsplatz
Hochrisiko-KI (Strenge Anforderungen)
- KI in der Personalentscheidung
- KI-gestützte Kreditvergabe
- KI in kritischer Infrastruktur
- Medizinprodukte mit KI
- KI in Bildung und Prüfungen
Begrenztes Risiko (Transparenzpflichten)
- Chatbots (müssen als KI erkennbar sein)
- KI-generierte Texte / Deepfakes
- Emotionserkennungssysteme
Minimales Risiko (Keine Pflichten)
- KI-Spam-Filter
- KI in Videospielen
- KI-Empfehlungssysteme (Netflix etc.)
- Die meisten internen Automatisierungstools
Für die meisten Mittelständler gilt: Der Großteil der eingesetzten KI-Systeme (interne Automatisierung, Chatbots, Produktivitätstools) fällt in die Kategorien "begrenzt" oder "minimal" – mit überschaubaren Anforderungen. Kritisch wird es, sobald KI in Personalentscheidungen, Kreditvergabe oder Sicherheitssystemen eingesetzt wird.
3. Was gilt konkret für KMU?
Der AI Act unterscheidet nicht grundsätzlich nach Unternehmensgröße – er unterscheidet nach Rolle und Risikoklasse des KI-Systems. Dennoch gibt es Erleichterungen für Kleinstunternehmen (weniger als 10 Mitarbeiter, unter 2 Mio. € Umsatz) bei bestimmten Dokumentationspflichten.
Als Mittelständler sind Sie in der Regel Betreiber – d.h. Sie setzen KI-Systeme ein, die von anderen entwickelt wurden. Als Betreiber tragen Sie Verantwortung für:
- Die zweckgemäße Nutzung des KI-Systems (entsprechend der Herstelleranweisungen)
- Menschliche Aufsicht und Überwachung bei Hochrisiko-Systemen
- Datenschutz und Datensicherheit beim Betrieb
- Protokollierung und Dokumentation bei Hochrisiko-KI
- Information der Mitarbeiter über den KI-Einsatz
Achtung: Wer ein KI-System an den eigenen Geschäftsfall anpasst (z.B. ein LLM für unternehmensspezifische Zwecke feinabstimmt oder mit eigenen Daten betreibt), kann als "Hersteller" eingestuft werden – mit deutlich weitreichenderen Pflichten.
4. Dokumentations- und Transparenzpflichten im Überblick
Für Betreiber von Hochrisiko-KI-Systemen
- Risikobewertung: Dokumentierter Prozess zur Bewertung des KI-Risikos
- Technische Dokumentation: Zweck, Leistungsgrenzen, Trainingsdaten (vom Hersteller bereitstellen lassen)
- Protokollierung: Automatische Logs der KI-Entscheidungen aufbewahren (mind. 6 Monate bei Hochrisiko)
- Menschliche Aufsicht: Klare Prozesse, wer wann eingreift
- Mitarbeiterinformation: Betroffene Mitarbeiter müssen über den KI-Einsatz informiert sein
Für Betreiber von Chatbots und KI-generierten Inhalten
- Nutzer müssen erkennen können, dass sie mit einem KI-System interagieren
- KI-generierte Texte, Bilder und Videos müssen als solche gekennzeichnet sein (gilt ab gewissen Schwellwerten)
5. Fristen und Zeitplan 2026
Aug 2024
AI Act in Kraft getreten
Veröffentlichung im EU-Amtsblatt, Beginn der Übergangsfrist.
Feb 2025
Verbote für inakzeptables Risiko in Kraft
Verbotene KI-Praktiken (biometrische Echtzeit-Überwachung, Social Scoring etc.) sind seit Februar 2025 untersagt.
Aug 2025
GPAI-Regeln und KI-Kompetenzpflicht
Regeln für allgemeine KI-Modelle (GPAI, wie GPT-4) gelten. Unternehmen müssen sicherstellen, dass Mitarbeiter über ausreichende KI-Kompetenz verfügen.
Aug 2026
Hochrisiko-KI-Anforderungen vollständig wirksam
Alle Anforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme (Anhang III) sind ab August 2026 vollständig durchzusetzen. Für Mittelständler mit HR- oder Kredit-KI: jetzt handeln.
Aug 2027
Vollständige Anwendung
Der AI Act gilt in vollem Umfang für alle KI-Systeme und alle Akteure.
6. Bußgelder: Was droht bei Verstößen?
Die Sanktionen des AI Acts sind erheblich und gestaffelt:
- Verbotene KI-Praktiken: Bis zu 35 Mio. € oder 7 % des globalen Jahresumsatzes
- Verstöße gegen Hochrisiko-Anforderungen: Bis zu 15 Mio. € oder 3 % des Jahresumsatzes
- Falsche Angaben gegenüber Behörden: Bis zu 7,5 Mio. € oder 1,5 % des Jahresumsatzes
Für KMU gilt: Bei der Bemessung sollen die wirtschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt werden. Die Behörden können von Höchstgrenzen abweichen. Dennoch: Auch 1,5 % des Jahresumsatzes können für einen mittelständischen Betrieb schmerzhaft sein.
7. Fünf Schritte zur AI-Act-Compliance
1
KI-Inventar erstellen
Erfassen Sie alle KI-Systeme, die in Ihrem Unternehmen eingesetzt werden – von ChatGPT bis zur KI im ERP-System. Viele Unternehmen unterschätzen, wie viele KI-Funktionen bereits in bestehender Software stecken (Microsoft 365 Copilot, Salesforce Einstein, SAP AI etc.).
2
Risikoklassifizierung durchführen
Ordnen Sie jedes identifizierte KI-System einer Risikoklasse zu. Fragen: Trifft das System Entscheidungen über Personen? In welchem Kontext? Welche Daten werden verarbeitet? Für die meisten mittelständischen KI-Anwendungen ist das Ergebnis: "begrenzt" oder "minimal".
3
Dokumentation aufbauen
Für jedes Hochrisiko-System: Zweck dokumentieren, Herstellerdokumentation anfordern, Aufsichtsprozesse definieren. Für Chatbots: Transparenzhinweis implementieren. Für alle KI-Tools: interne Nutzungsrichtlinien erstellen.
4
Mitarbeiter schulen
Der AI Act schreibt vor, dass Unternehmen sicherstellen müssen, dass Mitarbeiter die notwendige KI-Kompetenz besitzen (Art. 4). Konkret: Schulungen zu KI-Grundlagen, zu den eingesetzten Systemen und zu Grenzen und Risiken.
Die VerdaGen Academy bietet Inhouse-Schulungen speziell für Mittelständler an.
5
Governance-Struktur etablieren
Bestimmen Sie eine verantwortliche Person für KI-Compliance (muss kein Vollzeit-Job sein). Definieren Sie einen Prozess, wie neue KI-Tools vor dem Einsatz bewertet werden. Verankern Sie KI-Governance in der allgemeinen IT- und Datenschutzstrategie.
8. Wie VerdaGen.ai beim EU AI Act hilft
Compliance klingt bürokratisch – muss es aber nicht sein. Unser Ansatz: Pragmatismus statt Paragrafen-Alarm. Wir helfen Ihnen, die relevanten Anforderungen für Ihre konkrete KI-Nutzung zu identifizieren und mit minimalem Aufwand umzusetzen.
Das umfasst ein KI-Inventar-Workshop (halber Tag, alle eingesetzten KI-Systeme erfassen und klassifizieren), die Erstellung einer AI-Act-Compliance-Roadmap mit priorisierten Maßnahmen, sowie die Unterstützung bei der technischen Dokumentation für Hochrisiko-Systeme.
Wichtig: Wenn Sie bisher keine KI einsetzen, ist jetzt der ideale Zeitpunkt, eine KI-Strategie zu entwickeln, die von Anfang an compliant ist – statt eine bestehende Implementierung nachträglich anzupassen.
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In 30 Minuten klären wir, welche AI-Act-Anforderungen für Ihr Unternehmen relevant sind – und was Sie jetzt tun müssen, bevor die Fristen 2026 ablaufen.
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DG
Daniel Gnann
Geschäftsführer VerdaGen.ai · KI-Stratege & AI-Act-Berater · Zum Profil